Stabilitätstraining – vom Einfluss auf das Schmerzgeschehen zur Leistungssteigerung
Mark Comerford: In der professionellen Sportbetreuung wird allgemein akzeptiert, dass Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit einen hohen Stellenwert im Trainingsaufbau haben und ein notwendiger Bestandteil jedes Trainingsprogramms sein sollten.
Mc Gill (2000) und andere Rehabilitationsspezialisten vertreten gemeinsam mit Kraft- und Konditionstrainern wie Chek (2004) die Meinung, dass Ausdauertraining und Krafttraining mit hoher Reizschwelle das absolute Ziel von Training und Rehabilitation darstellen. Sie bauen ihren Trainingseinheiten und den Trainingsaufbau darauf auf, durch Krafttraining des Rumpfes und der Extremitäten die Gesamtstabilität und die sportliche Leistungsfähigkeit zu optimieren. Sie argumentieren mit der direkten Beziehung zwischen Kraft, Maximalkraft und Stabilität. Die Wichtigkeit von Trainingseinheiten mit niedrigem Schwellenwert und optimaler Kontrolle der motorischen Bewegungssteuerung wird in den Trainingsprogrammen vielfach vernachlässigt. Und wenn diese Trainingsform benutzt wird, dann nicht als eigenständige Trainingsform sondern als Mittel um möglichst bald an der Maximalkraft arbeiten zu können.
Hodges (2003) weist darauf hin, dass die Kräftigung von Muskeln, die Kraft, Bewegung und Geschwindigkeit entwickeln müssen auf der einen Seite und Training der Bewegungssteuerung der meist tieferliegenden, nicht auf Kraft ausgerichteten Muskeln auf der anderen Seite, zwei völlig unterschiedliche Trainingsabläufe darstellen. Dass aber beide existenziell notwendig sind, um ein optimales Aktivitätsniveau und sportliche Höchstleistungen zu erzielen. Eine Möglichkeit, diesen Denkansatz bildlich zu veranschaulichen, ist der Vergleich mit einem Computer. Schnelligkeits -und Krafttraining kann man mit einem Upgrade der Computerhardware vergleichen. Die Veränderungen in Muskelaufbau und der Effekt der Muskelhypertrophie stellen die verbesserte Leistungsfähigkeit, die erhöhte Geschwindigkeit und die Möglichkeit, komplexere Programme abzurufen, dar. Niedrigschwelliges motorisches Training hat keine nennenswerten Veränderungen der Muskulatur zur Folge, aber es verbessert konsequent die Fähigkeiten des Zentralnervensystems die Feinabstimmung der Muskelkoordination zu steuern und somit auch die Bewegungsökonomie zu verbessern. Dieser Prozess kann mit der Verbesserung des Softwareprogrammes des Computers gleichgesetzt werden, dessen Ziel es ist, das Optimum aus der vorliegenden Hardware herauszuholen. In diesem Denkmodell stellt der Schmerz das Auftreten eines Computervirus dar, dessen Hauptauswirkung die Software betrifft. Was wiederum zur Folge hat, dass der Computer langsamer wird und öfter abstürzt. Auf das Schmerzgeschehen im menschlichen Körper übertragen, bedeutet das, dass die Auswirkung von Schmerz häufiger das motorische Kontrollsystem als die Muskelstruktur betrifft.
Aktuelle neurophysiologische und klinische Studien über Bewegungsstörungen in Verbindung mit muskuloskelettären Verletzungen, Chronifizierung und Rezitivhäufigkeit zeigen einen Zusammenhang zwischen diesen Störungen und einem nachweisbaren Defizit in der Ansteuerung der niedrigschwelligen, phasischen Muskulatur und unzureichender Kontrolle des motorischen Systems. (O´Sullivan et al 1997a&b1998, Richardsonet al 1998, Jull 2000, Comerford und Mottram 2001 a&b, Gibbons und Comerford 2001 a&b, Sahrmann 2002, Hodghes & Richardson 1996 1999, Hodges 2001, Hodges et al 2002). Diese Störungen sind klinisch und funktionell nur mit sehr spezifischen Testen identifizierbar. Einige dieser Dysfunktionen sind bereits lange vor dem Auftreten von Symptomen oder Verletzungen nachweisbar und scheinen Prädispositionsfaktoren für die Entwicklung von pathologischen Veränderungen und Symptomen zu sein(Comerford und Mottram 2001b, Sahrmann 2002). Es gibt entsprechende Nachweise, dass der Kontrollverlust über die niedrigschwellige Muskulatur übereinstimmend und nachweisbar ein Vorzeichen für Rezitivbildung darstellt (Richardson et al 1998 2004, Hides et al 2001).
Die Schwierigkeiten sowohl für Kliniker als auch Wissenschaftler bestehen darin, unterschiedliche Übungsprogramme miteinander zu vergleichen und eine bindende Aussage darüber zu treffen, in welchen Fällen und unter welchen Bedingungen welche Strategie das Optimum darstellt. Und allgemein gültige Richtlinien zu entwickeln, um das bestmögliche Behandlungsergebnis zu garantieren. Die Bezeichnung „Rumpfstabilität“ kann vielleicht etwas Verwirrung stiften. Deshalb wird in diesem Artikel versucht, spezifische Untergruppen innerhalb dieser „Rumpfstabilität“ zu entwickeln. Gleichzeitig bietet er Richtlinien zur Verdeutlichung und zum besseren Verständnis der unterschiedlichen Sichtweisen von spezifischen Trainingsprogramm
Kategorisierung von Muskeln
Durch die Verbindung von zwei gängigen Muskelfunktionmodellen, lokale bzw. globale Aufgabenteilung(Bergmann 1989) und Stabilisatoren bzw. Mobilisatoren( Rood in Goff 1972, Janda 1996, Sahrmann 2002) entsteht ein multidimensionales System, das die Aufgabe der motorischen Systems in drei funktionelle Aufgabenbereiche gliedert:
- lokale Stabilität
- globale Stabilität
- globale Mobilität
Rumpfkontrolle
Der Rumpf kann mit einem doppelwandigen Zylinder verglichen werden, der aus dem unteren Bereich der Wirbelsäule und dem Abdomen einerseits und der oberen Brustwirbelsäule und dem Brustkorb besteht(Comerford 2004b Comerford & Mottram 2004a).
Die innere Wand des Zylinders wird aus den tiefliegenden, lokalen Muskeln gebildet:
Diaphragma, M. transversus abdominis, segmentale lumbale multifidus, M. psoas major pars posterior und Beckenbodenmuskulatur
Die äußere Wand wird von den oberflächlichen, globalen Muskeln gebildet. Diese bestehen einerseits aus Muskeln, deren Hauptaufgabe die globale Stabilität des Rumpfes darstellen und andererseits, praktisch parallell dazu, aus Muskeln, die für Bewegungen des Rupfes verantwortlich sind. Dieses Muskelsystem steuert sowohl die posturale Stabilität als auch die Bewegungskontrolle und Bewegungsausführung.
Globale Stabilisatoren:
schräge Bauchmuskeln, oberflächliche Teile der Multifidus und M. spinalis, anteriore Anteile des M. psoas major, die schrägen Fasern des M. quadratus lumborum und Anteile des Beckenbodens.
Globale Mobilisatoren:
M. rectus abdominis, M. iliocostalis und die longitudinalen, äußeren Fasern des M. quadratus lumborum.
Aber auch der Schultergürtel und das Becken haben einen wichtigen Einfluß auf das System. Die Skapula stellt die Verbindung zwischen oberer Extremität und dem Rumpf, das Becken verbindet den Rumpf mit der unteren Extremität. Oft findet bei normaler Bewegung zwischen Extremität und Rumpf eine Gegenrotation statt, deren Kräfte der Kontrolle und Koordination dieser beiden Schlüsselpunkten unterliegt. Dieser oberflächliche Muskelmantel entwickelt häufig eine Muskeldysbalance indem die globalen Mobilisatoren dominieren und entweder die stabilisierende Aufgabe der Stabilisatoren übernehmen oder durch Veränderung der Bewegungsmuster eine entsprechende Dysfunktion verursachen.
Da in diesem Modell der Begriff „Rumpfstabilität“ nicht mehr in seinem ursprünglichen Sinn verwendet wird, ist es notwendig, diesen Begriff genauer zu differenzieren und allgemein Stabilitätskonzepte neu zu definieren. In dieser neuen Definition werden angefangen von Übungen zur unbewussten Aktivierung der tiefen Bauchmuskulatur bis hin zum Überkopftraining mit Hanteln auf einem Pezziball subsummiert.
„Rumpfstabilität“ umfasst deshalb ein weiteres Feld als in der herkömmlichen Fitness- und Übungstherapie heutzutage benutzt wird. Es schließt nachstehende Bereiche ein:
- motorische Kontrolle der lokalen Muskelsysteme
- motorische Kontrolle der globalen Muskelsysteme
- Krafttraining des Rumpfes
- Symetrisches und herkömmliches Krafttraining von Rumpf und Extremitäten über Belastung der Extremitäten
